Paris, hundert Jahre später: Ist die Stadt noch das Zentrum der Kunst?

Paris, wie es einmal war: Ein Abend im Brandenburger Theater

Subtil und verspielt: So lässt sich der Abend beschreiben, an dem ein mutiges Komplott kammermusizierender Solistinnen und Solisten der Brandenburger Symphoniker und ihrer Gäste das Brandenburger Theater in das Paris vergangener Tage verwandelte. Unter der Leitung des Flötisten Martin Bosse-Platière entstand eine musikalische Zeitreise aus Kammermusik, Texten, Schauspiel und Stummfilm.

Im Mittelpunkt stand der warme, inspirierte und authentische Auftritt des Komponisten Manuel Rösler, der sich dem Brandenburger Publikum zugleich als Erzähler, künstlerischer Leiter und Arrangeur vorstellte. Er traf genau jenes Lebensgefühl, jenen Flair, der über Paris lag: die Stadt des Lichts, der schönen Hüte, der breiten Boulevards, voller Leben. An seiner Seite präsentierte sich die junge Schauspielerin Alissia Krupsky ausgesprochen souverän als Erzählerin, Darstellerin und Sängerin. Die Videoprojektion fügte sich nahtlos in den Fluss des Abends ein.

Ein Volltreffer in der Konzeption: kein Moment Leerlauf, nichts Überflüssiges, nichts Überzeichnetes. Subtil, verspielt, warm, nah, menschlich und ehrlich: So war dieser Abend.

Und er stimmte nachdenklich. Die Aufführung fiel zufällig auf ein Wochenende, an dem Frankreich ganz andere Bilder lieferte. Bei den landesweiten Protesten am Samstag, dem 17. Oktober, kam es in vielen Städten, darunter Paris, Lyon und Marseille, zu Gewalt am Rande der Demonstrationszüge. Präfekturen, Geschäfte und sogar Rathäuser wurden angegriffen und geplündert, rund 400 Menschen wurden festgenommen. Wo ist jenes Paris geblieben, das selbst in den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Vorbild und künstlerischer Wegweiser Europas war? Wie konnte eine Gesellschaft hundert Jahre verspielen? Wo sind die heiteren Blicke, die Hüte, die liebevollen Gespräche über Kunst und Stil? Wo ist die Ästhetik, wo sind Ethik und Moral?

Die Künstlerinnen und Künstler haben uns einen Blick auf das Paris von einst geschenkt, aus eigener Initiative und mit sorgfältiger Planung. Ihr Lohn: Ovationen und drei Verbeugungen vor einem begeisterten Publikum. Die Kultur ist in diesem Oktober um ein glänzendes Projekt und eine sehr authentische Aufführung reicher geworden. Es braucht mehr davon. Nur weiter so, und mit Mut!Bravi!

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Die unsichtbaren Hände des Systems