Die unsichtbaren Hände des Systems

Ein Essay über Talent, Herkunft und die stille Erschöpfung der Selbstgemachten

Es gibt Menschen, die das System sieht. Und es gibt Menschen, die das System braucht — ohne es je zuzugeben.

Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Vielleicht du auch.

Wir stammen nicht aus Häusern, in denen Netzwerke vererbt werden wie Silberbesteck. Unsere Großeltern haben uns keine Türen aufgehalten — sie haben uns beigebracht, Türen selbst zu bauen. Unser Weg nach oben folgte keiner vorgezeichneten Linie, sondern einem Labyrinth, das wir Schritt für Schritt selbst erkundet haben. Mit Fehlern. Mit Umwegen. Mit Investitionen in uns selbst, die niemand sah außer wir.

Und trotzdem sind wir da. Immer.

Wenn die Probe crasht, wenn der Dirigent absagt, wenn die Technik streikt, wenn der Vertrag falsch ausgestellt ist — dann ruft man uns. Wir lösen es.

Wir sind gut darin, die heißen Kartoffeln aus dem Feuer zu holen. Wir werden nicht gefragt, ob wir Zeit haben. Es wird einfach erwartet.

Was aber passiert mit uns, wenn es keinen Brand gibt?

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Ich denke oft an Menschen, die ich kenne — Sängerinnen mit außergewöhnlicher Stimme, Instrumentalisten mit tiefer Musikalität, Kulturmanager mit echtem strategischem Verstand — die nie eine Bühne hatten, sich zu zeigen. Nicht weil ihnen das Talent fehlte. Sondern weil ihnen der richtige Moment fehlte. Die richtige Verbindung. Die Sichtbarkeit im richtigen Raum.

Carol Dwecks Konzept des Growth Mindset klingt in unseren Ohren wie eine Selbstverständlichkeit: Man wächst, man lernt, man entwickelt sich. Man investiert. Man bleibt neugierig. Aber was passiert, wenn dieses Wachstum auf ein System trifft, das ein Fixed Mindset hat — das glaubt, Plätze seien bereits vergeben, Hierarchien bereits entschieden?

Dann ist das Ergebnis keine Chance. Es ist Unsichtbarkeit.

Man kann sich jahrzehntelang aufbauen, Sprachen lernen, Methoden studieren, Beziehungen pflegen — und trotzdem vor einer Tür stehen, die sich für andere wie von selbst öffnet.

Das ist kein Versagen des Einzelnen. Das ist ein Versagen des Systems.

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Die Frage, die mich beschäftigt, ist keine karrieristische. Sie ist menschlich.

Was wird aus Menschen, die nie die Gelegenheit bekommen, sich zu zeigen? Die nie ihren Showdown hatten — jenen Moment, in dem man alles, was man ist, auf den Tisch legt?

Viele resignieren leise. Andere passen sich an — werden kleiner, als sie sind, damit das System sie erträgt. Und ein paar kämpfen weiter, im Verborgenen, in parallelen Welten, die das offizielle System nicht wahrnimmt, aber insgeheim von ihnen lebt.

Wir brauchen keine Mitleidsdebatten. Wir brauchen Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, wie Türen wirklich aufgehen. Darüber, was Meritokratie in der Kulturbranche bedeutet — und was sie in Wirklichkeit oft ist. Darüber, dass Empathie keine Schwäche ist, sondern die Grundlage eines funktionierenden Systems.

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Ich glaube nicht daran, dass alle gleich behandelt werden müssen. Aber ich glaube daran, dass alle gesehen werden sollten.

Talent ist keine Rarität. Was selten ist, sind die Bedingungen, unter denen Talent sichtbar werden darf.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe — nicht nur für Institutionen, sondern für jeden von uns: genauer hinzuschauen. Nicht nur auf die Glücklichen. Sondern auf die Stillen. Die Selbstgemachten. Die unsichtbaren Hände, die das System am Laufen halten.

Was denkst du? Hast du dich in diesen Zeilen erkannt — als Künstler, als Manager, als Mensch?

  • Verfasst von Matija Matijević

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